Liebätz

Gemeindekrichrat Liebätz/Märtensmühle:
Geschichtliches:
Am Trinitatissonntag vor 411 Jahren, also 1598, versammelten sich die Liebätzer auf dem Kirchplatz inmitten des Dorfes. In Gemeinschaft mit Märtensmühlern und Luckenwaldern erwarteten sie die Ankunft des Luckenwalder Geistlichen Johannes Alborn.
Auf dem Kirchplatz war der Bau des ersten Gotteshauses für
Liebätz und Märtensmühle in der vergangenen Woche beendet
worden und sollte an diesem sonnigen Tag eingeweiht werden. Pastor Alborn
war vom magdeburgischen Hauptmann in Zinna, von Rochow, mit der Einweihung
beauftragt worden.
Eine helle Eichentür mit blanken Beschlägen strahlte den Wartenden
entgegen.
Der für Liebätz zuständige Verwalter der obersten Kirchenbehörde
des Erzstiftes Magdeburg, der protestantische Administrator Fürst Joachim
Friedrich, nachmaliger Markgraf von Brandenburg, hatte den Kirchbau genehmigt.
Kirchliche und weltliche Behörden hatten für den Bau Geld- mittel
genehmigt und die Bauern aus Liebätz und Märtensmühle beteiligten
sich intensiv durch Hand- und Spanndienste.
So war der Tag der Einweihung gekommen. Luckenwalder Geistliche, Kirchendiener,
Lehrer, auch Mitglieder des Rates und der Gemeinde Luckenwalde kamen über
den Kirchsteig nach Liebätz, nicht nur weil ihr Pfarrer die Weihe vornahm,
sondern weil ihre Johanniskirche eine Tochter(kirche) erhielt. Die Kirche
zu Liebätz, Dreifaltigkeitskirche genannt, wurde somit
der Luckenwalder Hauptkirche als Filialkirche angegliedert. Die Entscheidung
in Liebätz eine Filialkirche zu errichten, ist wohl auch dem Umstand
geschuldet, dass die sonntäglichen Gottesdienste in der einzigen Luckenwalder
Kirche so stark frequentiert waren, dass die Dorfbewohner meist erst an
einem vierten oder fünften Gottesdienst in den Nachmittagsstunden teilnehmen
konnten. Natürlich war der Weg zur Kirche ein Fußmarsch, den
man über den so genannten Kirchsteig lief. Leider liegt keine genaue
Wegbeschreibung vor. Vermutlich verlief der Steig zwischen Ruhlsdorf und
Woltersdorf zum Trebbiner Tor. Auch war der Kirchsteig ein aufgeschütteter
Damm, da zu damaliger Zeit die Erlenbüsche und Sümpfe keinen anderen
Weg ermöglichten. Wohlhabende Bauern legten den Gang zum Gottesdienst
mit Pferd und Wagen zurück.
Ein weiterer Grund für den Kirchbau könnte auch sein, dass die
beiden Dörfer, Liebätz und Märtensmühle, zu damaliger
Zeit bei der Obrigkeit recht angesehen waren und so für würdig
befunden eine eigene Kirche zu erhalten. Die amtlichen Leute
aus Luckenwalde kamen also auch über den Kirchsteig zu Fuß nach
Liebätz. So wurde vor ziemlicher Versammlung die neue kleine
Kirche, zu der von nun an auch Märtensmühle gehörte, feierlich
unter Beachtung aller alten Festbräuche der Öffentlichkeit zum
kirchlichen Gebrauch übergeben.
Damit war allerdings noch nicht das Bestehen der Kirche gesichert. Die dafür
erforderlichen Bedingungen wurden in einer Anordnung schriftlich
festgelegt.
Eine seitenlange Anordnung sollte von nun an alles regeln. Über die
Lehre, die in der neuen Kirche gepredigt und gelehrt werden sollte, die
Abhängigkeit von der Mutterkirche, Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten,
Beerdigungen und andere Amtshandlungen, wie auch über den alljährlichen
Festtag beider Dorfschaften, die Kärmse (Kirmes=Kirchweihfest), als
auch über die Pflichten der Liebätzer und Märtensmühler
dem Luckenwalder Geistlichen und seiner Helfer gegenüber wurden Beschlüsse
gefasst und niedergeschrieben. Den bindenden und strengen Entschließungen
gaben Liebätz und Märtensmühle, auch Rat und Gemeinde Luckenwalde
ihre Zustimmung und ein besonderes Geheimsiegel des Amtes Zinna verlieh
den Bestimmungen amtliche Würde und öffentliche Macht von
nun an bis auf künftige Zeiten. In Betrachtung der heiligen Schrift
und Gottes Wort steht geschrieben: Ein Arbeiter ist seines Lohnes
wert (Lukas 10) und Der hat befohlen , dass die so das Evangelium
verkünden, sollen sich vom Evangelio nähren. (1.Cor. 9)
Hier ging es also um die Besoldung.
Zur damaligen Zeit waren Naturalabgaben als wesentliche Bezahlung üblich.
So erhielt das Amt Luckenwalde jährlich 25 Scheffel Roggen = 976 kg,
der für die Kirche Liebätz zuständige Pfarrer (Diacon) erhielt
für seine Arbeit über das Jahr 24 Scheffel Roggen = 937 kg. Diese
Menge entspricht einem Wispel. 1 Wispel (ein Getreidehohlmaß) sind
13,2 hl und 1 Liter Getreide werden mit 710 g angegeben. Diese Roggenmenge
sollte er jährlich zu Michaelis (29. Sept.), also nach der Ernte, erhalten.
Die abzuliefernden Getreidemengen waren bis auf Bruchteile von Metzen auf
die einzelnen Bauern beider Orte aufgeteilt. Wobei 1 Metze 2,44 kg entspricht.
Weiterhin sollte der Diacon nach der Frühpredigt, die
er alle 14 Tage in Liebätz zu halten hatte, mit dem Pferdewagen nach
Luckenwalde gebracht werden, damit er dort weitere Gottesdienste halten
konnte. In Winterszeiten und bei Unwetter sollten die Liebätzer den
Diacon auch abholen. Nach jeder Predigt war ihm eine Mahlzeit oder ersatzweise
2 Groschen zu geben.
Zu Taufen, Eheschließungen oder Beerdigungen musste der Pfarrer geholt
und zurückgebracht werden. Dies galt auch, wenn der Pfarrer zu einem
Kranken gerufen wurde. Bei geplanten Eheschließungen von Bürgern
aus den Dorfschaften Liebätz und Märtensmühle wird die Trauung
in der Kirche zu Liebätz vollzogen, nachdem das Aufgebot in der Pfarrkirche
zu Luckenwalde
bestellt worden war.
Die vorgenannten Abgaben wurden in der zehn Seiten langen handgeschrieben
Anordnung auch begründet. Man verlangte Dankbarkeit und Verständnis
von beiden Dorfschaften, da mit der neuen eigenen Kirche ja eine wesentliche
Erleichterung für die Besucher der Gottesdienste eingetreten sei. Vorher
war es schon beschwerlich für Kinder und Alte, den Weg nach Luckenwalde
auf sich zu nehmen. Dafür bekam man jetzt das Wort Gottes vor die Tür
gebracht, wofür Seelsorger und Lehrer nun reichlich Mehrarbeit auf
sich nahmen.
Nachdem 1618 der furchtbare 30jährige Krieg ausgebrochen war, zogen
dunkle Wolken über unser Land auf. Es traf auch die Mark ganz bitter.
1637, nach kaum 40jährigem Bestehen, zündeten marodierende schwedische
Truppen das ganze Dorf Liebätz an und brannten auch die Kirche nieder.
In den Folgejahren herrschte bittere Not. Die Liebätzer hatten sich
zwar mit ihrem Vieh und einigem Hab und Gut über einen geheimen Knüppeldamm,
der durch den Sumpf führte, zum Liezenberg gerettet, aber nachdem die
Söldnerhorden die Gegend verlassen hatten, wohl nicht zuletzt deshalb,
weil hier buchstäblich alles verbrannt und leer war, kehrten die Liebätzer
ins Dorf zurück. Sie standen vor dem Nichts. In kärglich errichteten
Hütten begannen sie erneut den Kampf ums Überleben. Erst im Jahre
1655 gelang der Aufbau der 2. Kirche.
Begünstigt wurde der Neubau durch eine Urkunde des Markgrafen Christian
Wilhelm von Brandenburg,
der eine überregionale Kollekte genehmigte.
Nach 93 Jahren wurde die Kirche innen umgestaltet. Es wurden zwei Emporen
eingebaut, und die Kanzel von ihrem Seitenplatz über den Altar geführt.
Frauen und Männerstühle wurden neu gebaut und getrennter Ordnung
für beide Gemeinden (Liebätz und Märtensmühle) aufgestellt.
Diese zweite Kirche erreichte ein Alter von 200 Jahren. In den letzten Jahren
musste der Turm schon abgestützt werden. Da allmählich Einsturzgefahr
drohte, wurde ein Neubau angeregt.
So entstand 1856 das 3. Gotteshaus in der jetzt vorhandenen Form. Während
die zweite Kirche einen Turm hatte, in dem auch eine Glocke hing, verzichtete
man beim Bau der Dritten auch aus Kostengründen auf den Turm, baute
aber gleich einen Glockenstuhl für 2 Glocken. Eine der beiden Glocken
wurde im 1.Weltkrieg eingezogen.
Am Ende des 2.Weltkrieges wurde die Kirche durch Artilleriebeschuss wieder
zerstört.
Der unbeugsame Aufbauwille machte den Wiederaufbau und die Einweihung 1952
möglich.
Der Brand zerstörte auch die noch vorhanden Glocke. Großzügige
Spenden und Fördermittel ermöglichten den Guss einer neuen Glocke,
die unter großer Anteilnahme 2002 geweiht wurde.
Dem Brand zum Opfer fiel auch die schöne Orgel. Hier reicht die Finanzdecke
aber bisher nicht zu einen Neubau.
Seit dem Bau der ersten Kirche befand sich um die Kirche herum der Gottesacker,
der Kirchhof. Dieser Platz war bis 1876 Begräbnisstätte für
Liebätz und Märtensmühle.
1598 wurde der Kirchhof mit einem Holzzaun eingefriedet. Natürlich
Verstorbene wurden durch das Haupttor hereingetragen, währen man für
Selbstmörder einige Bretter an der Seite löste und den Sarg dort
durchreichte. Mit dem Neubau 1856 wurde der Kirchhof mit einer Mauer umgeben.
Als im Jahre 1876 die Gemeinden eigene kommunale Friedhöfe einrichteten,
wurde der Kirchhof geschlossen. Nach Einhaltung der Liegefristen wurde 1926
die Kirchhofsmauer abgetragen. Die Mauersteine wurden mit Märtensmühle
geteilt. Liebätz verwendete die Steine zur teilweisen Einfriedung des
neuen Friedhofs.
Werner Ziege